Armin Thurnher – Unsternstunden der Menschheit

Wie die Welt unerträglich wurde und warum wir jetzt hinschauen sollten

Armin Thurnher dreht Stefan Zweigs „Sternstunden“ ins Negative und fragt: wann nahm die Geschichte in den vergangenen 80 Jahren fatale Wendungen? Seine Antwort ist ernüchternd aktuell. Im ersten Kapitel landet er 1947 am Mont Pèlerin über dem Genfer See, wo Hayek und Friedman die neoliberale Internationale gründeten. Was folgte, nennt Thurnher das „erfolgreichste gewaltfreie hegemoniale Projekt seit dem Christentum“, eine Ideologie, die Märkte heiligspricht und Demokratie als Hindernis betrachtet. Die Verbindung zu heute ist direkt: Die Tech-Milliardäre um Trump, die Thurnher in späteren Kapiteln seziert, sind Erben dieser Denkschule.

Bemerkenswert ist, wie Thurnher Weltgeschichte und österreichische Provinz verwebt. Zwischen Zuckerberg und Musk tauchen Sebastian Kurz und die Kronen Zeitung auf, nicht als Randnotizen, sondern als gleichwertige Unsternstunden. Das könnte komisch wirken, ist aber Thurnhers Stärke: Er zeigt, wie globale Mechanismen (Medienkorruption, autoritärer Populismus) überall funktionieren. Österreichs „Freunderlwirtschaft“ ist kein Sonderfall, sondern Miniatur des Großen.

Ein eigenes Kapitel widmet Thurnher wie erwähnt der Gründung der Kronen Zeitung durch Hans Dichand und ihrer Entwicklung zur meistgelesenen Zeitung der Welt gemessen an der Reichweite pro Kopf. Was als billiges Boulevardblatt begann, wurde zum mächtigsten medienpolitischen Instrument Österreichs: ein Werkzeug zur Meinungsformung, das Regierungen stürzen und Kandidaten aufbauen konnte. Thurnher, selbst jahrzehntelanger Gegenspieler als Falter-Herausgeber, analysiert die Krone nicht mit Häme, sondern als Lehrstück darüber, wie Medienkorruption und politische Einflussnahme Hand in Hand gehen, weit über Österreich hinaus.

Thurnher schreibt polemisch, manchmal gnadenlos, wie Zuckerberg ist ein „charakterloser Wechselbalg“, die Google-Gründer „zwei ehrliche Trottel“. Doch hinter der Schärfe steht echte Verzweiflung: Wie konnte die Gegen-Aufklärung so frech siegen? Thurnhers Pessimismus ist produktiv, weil er nicht resigniert, sondern erhellt. Sein Buch ist kein neutraler Geschichtsband, sondern ein Weckruf. Wer nach der Lektüre noch glaubt, „es wird schon nicht so schlimm“, liegt wahrscheinlich falsch.

Armin Thurnher: „Unsternstunden der Menschheit. Wie die Welt unerträglich wurde“, Zsolnay, 304 S., 27 Euro.

Armin Thurnher –
Unsternstunden der Menschheit