Barbara Zeman: Beteigeuze
Theresa Neges lebt in Wien und fühlt sich mystisch mit dem Stern Beteigeuze verbunden, dessen wechselnde Leuchtkraft ihre eigene emotionale Instabilität spiegelt. Ein sprachlich dichter Roman über Einsamkeit, psychische Erkrankung und die Sehnsucht nach Transzendenz.
Barbara Zemans zweiter Roman Beteigeuze erzählt von Theresa Neges, die mit ihrem Freund Josef in einer kleinen blauen Wohnung im 2. Wiener Gemeindebezirk lebt, im Café arbeitet und sich zunehmend von der Welt entfremdet fühlt. Ihre Faszination gilt Beteigeuze, dem unruhigen Roten Überriesen, dessen wechselndes Leuchten und ungewisse Existenz ihre eigene emotionale Instabilität spiegeln.
Mit fortschreitender Erzählung öffnet der Roman die Vergangenheit: Verwandte erscheinen, bei denen sich ähnliche Sehnsucht nach Himmelstranszendenz mit innerer Verschlossenheit verband. Zeman folgt dabei der Etymologie von Namen und Farbassoziationen und spinnt ein Ahnengeflecht, das dem Buch seine eigentümliche Schwebe gibt.
Die Ich-Erzählerin bleibt durchgängig unzuverlässig: Oft ist unklar, ob das Geschilderte real geschieht oder Phantasmagorie ist. Nach einer Einweisung ins AKH, sie hatte versucht, den Sichelmond mit einem Käfig einzufangen, verweigert Theresa Therapie und Tabletten, weil diese ihr die Sicht auf den Himmel trüben. Stattdessen treibt sie durch Wien: Sprung in den Donaukanal bei Sturmwarnung, ein vorgetäuschter Weinkrampf in einem Supermarkt, ein Unfall nach einer E-Scooter-Fahrt, barfüßige Karussellfahrten im Prater. Josef bleibt an ihrer Seite, wird aber zunehmend unwirklich.
Gedeutet wird der Roman als Parallelbewegung zwischen Theresas Fiktionen und Zemans Schreibpraxis: Beide fingieren, um Gehalt zu gewinnen. Poesie und Wahnsinn treffen sich dort, wo innere Leere nicht mehr durch legitimierte Sprache zugedeckt werden kann. Verglichen mit dem eher stillstehenden Debüt Immerjahn (2019) bietet Beteigeuze Unrast: ein rastloser Körper auf der Suche nach einem Zentrum. Kein Buch zum schnellen Durchblättern, sondern eines, in dessen Sätzen man verweilen soll.
Barbara Zeman: Beteigeuze. DTV, München 2024. 301 Seiten.


