Regisseur Igor Bezinović untersucht die Geschichte seiner Heimatstadt Rijeka (italienisch Fiume) nach dem Ersten Weltkrieg, als die Hafenstadt von italienischen Milizen unter Dichter Gabriele D'Annunzio 15 Monate besetzt wurde. Kroatiens Oscar-Beitrag lässt diese ernüchternde Momentaufnahme des frühen europäischen Faschismus mit fantasievollen Stilmitteln lebendig werden.
Drei Episoden, drei Länder, eine Familie: In den USA, Dublin und Paris erkundet Jarmusch mit einem namhaften Ensemble (quasi die Film-Familie des Regisseurs) Nähe, Distanz und Generationenkonflikte. Architektur und Gesten ersetzen große Worte. Ein dreiteiliges Fresko in gewohnt reduzierter Jarmusch-Manier.
Michel Poiccard, ein kleiner Gauner, versucht die amerikanische Studentin Patricia zu beeindrucken. Godards Debüt vereint Truffauts Buchidee, Chabrols technisches Können und Belmondos sowie Sebergs ikonische Präsenz zu einem formal innovativen Film, der inhaltlich bereits die Konflikte des 1960er vorwegnimmt. Der Film ist am 4.4. ein zweites Mal zu sehen.
Das Göteborg Film Festival 2026 stand unter dem Motto "Truth" und erforschte Wahrhaftigkeit im zeitgenössischen Kino. Das Radio-Feature von Anna Obererlacher untersucht, wie Spielfilme dokumentarische Mittel nutzen und Dokumentarfilme kunstvoll erzählen. In Zeiten, in denen Bilder zu Waffen werden, fragt die Sendung nach filmischen Wahrheiten jenseits von Fakt und Fiktion und nach humanistischen Möglichkeitsräumen des Kinos.
Zwei Zwillingsbrüder, ein toter Schwan und eine schwangere Frau: Greenaway arrangiert Tod, Symmetrie und Körper zu einem kühlen Bilderrätsel. "A Zed & Two Noughts" ist Naturfilm, Memento Mori und visuelles Experiment zugleich, garniert mit Musik von Michael Nyman.
Isa Willinger versammelt Regisseurinnen wie Céline Sciamma, Catherine Breillat und Virginie Despentes zum Gespräch über Macht, Geschlecht und Freiheit im Kino. Sie sprechen über Sex, Gewalt, den female gaze und was es heißt, als Frau Filme zu machen.
Die Feminist Week im Admiral Kino zeigt vom 2. bis 8. März engagierte Filme. "Stoff – Ein Spitzengeschäft" verbindet Stoffmärkte in Lagos mit Stickereifabriken in Lustenau und den kolonialen Wurzeln europäischen Reichtums. "Ein Tag ohne Frauen" erzählt vom legendären Frauenstreik 1975 in Island, der das Land lahmlegte.
Johnny Depp ist als angeschossener Buchhalter auf der Flucht durchs surreale Ödland des amerikanischen Westens. Der hochgebildete Indianer Nobody (so unglaublich gut dargestellt von Gary Farmer) begleitet ihn auf einer spirituellen Reise zwischen Leben und Tod. Jarmuschs hypnotischer Schwarz-Weiß-Anti-Western mit Neil Young-Soundtrack ist eine poetische Abrechnung mit Industrialisierung und Gewalt. "I was then taken east, in a cage. I was taken to Toronto. Then Philadelphia. And then to New York. And each time I arrived at another city, somehow the white men had moved all their people there ahead of me. Each new city contained the same white people as the last, and I could not understand how a whole city of people could be moved so quickly." (Nobody)
Der Broadway-Autor Barton Fink kommt 1941 nach Hollywood, um fürs Kino zu schreiben. Im schäbigen Hotel Earle versinkt er in Schreibblockade und surrealer Paranoia. John Turturro und John Goodman brillieren in diesem rätselhaften Meisterwerk der Coens, das in Cannes alle drei Hauptpreise gewann. Ein schwarzhumoriger Trip durch die Hölle Hollywoods.
Die französische Regisseurin Agnes Varda erzählt die Geschichte von Mona, die beschlossen hat, als Vagabundin zu leben. Leider endet ihr Leben durch Erfrieren in einem Straßengraben. In Rückblenden erfahren wir von ihrem Schicksal.
Richard Linklater erzählt die Geschichte hinter den Dreharbeiten von Jean-Luc Godards "Außer Atem". Guillaume Marbeck spielt Godard, der alle Regeln bricht, Zoey Deutch seine skeptische US-Hauptdarstellerin Jean Seberg. Linklater dreht im Stil seines Vorbilds: Schwarz-Weiß, Format 1:1,37, mit Humor und dem Esprit der frühen Sixties.
Der indische Filmemacher Arjun Talwar lebt seit über zehn Jahren in Warschau und fühlt sich trotzdem fremd. Um seine Integration voranzutreiben, filmt er seine Nachbarinnen in der Ulica Wilcza (Wolfstraße) und testet dabei bewusst seine Beziehungen zu ihnen. Ein humorvolles, persönliches Porträt Polens und des modernen Europas.
September 1944, Warschauer Aufstand: Lieutenant Zadra führt seine letzten Kämpfer durch die Kanalisation zum Stadtzentrum. In der Enge und Dunkelheit zeigt sich Mut neben Verzweiflung, Liebe neben Angst. Andrzej Wajdas Film verzichtet auf Heldenpathos und zeigt stattdessen Menschen am Limit. 1957 in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.
Nikolaus Geyrhalter dokumentiert in Melt das weltweite Abschmelzen von Schnee und Eis. In ruhigen, langen Einstellungen zeigt er Landschaften im Wandel. Dafür reiste er an zahlreiche Orte und lässt Menschen sprechen, die direkt mit dem Verschwinden des Eises leben. Auf jeden Fall ist das ein Film für die große Leinwand. Ein Gespräch mit Sophia Laggner (Regieassistenz & Recherche MELT) und Friedrich Macher (Alpenverein Austria).
79 Minuten International Klein Blue auf der Leinwand, kein Schnitt, keine Bewegung. Als Derek Jarman durch seine HIV-Infektion temporär erblindete, konnte er nur noch Ultramarintöne wahrnehmen. Dazu Stimmen, poetische Texte über AIDS und den Tod, die Namen verstorbener Freunde, Musik von Simon Fisher Turner. Live-Performance mit Fisher Turner und Neil Young.
Der italienische Präsident Mariano De Santis steht am Ende seiner Amtszeit vor moralischen Dilemmata: Sterbehilfe, Gnadengesuche und der Umgang mit dem Verrat seiner verstorbenen Frau. Paolo Sorrentinos Film mit Toni Servillo (Bester Darsteller in Venedig 2025) ist eine elegante Meditation über Macht, Gewissen und die Frage, wem unsere Tage gehören.
Polen, 1976: Die Filmstudentin Agnieszka recherchiert für ihre Abschlussarbeit über Mateusz Birkut, einen Maurer, der in den 1950ern als proletarischer Held gefeiert wurde und dann verschwand. Mit Archivmaterial und Interviews dekonstruiert Wajda die stalinistische Propaganda. Eine scharfe Abrechnung mit einem System, das Helden erschafft und vernichtet. Die Struktur erinnert an "Citizen Kane".
Liverpool, 1940er und 1950er: Terence Davies' autobiografisches Debüt zeigt eine Arbeiterfamilie zwischen brutaler Vatergewalt und mütterlicher Liebe. In fragmentarischen Erinnerungen entspinnt sich ein Fotoalbum aus Hochzeiten, Pubbesuchen und Kinoabenden. Die Lieder der Zeit geben den Stimmlosen eine Stimme. Poetisch, erschütternd, nie sentimental. Pete Postlethwaite furchteinflößend als Vater.
New York 1943. Am Abend der erfolgreichen Oklahoma!-Premiere driftet Texter Lorenz Hart (Ethan Hawke) in eine Bar. Er blickt auf die Jahre mit seinem früheren Partner Richard Rodgers zurück, verbittert und alkoholisiert. Richard Linklater verdichtet diese Nacht des brillanten, verlorenen Lyrikers zum leisen, dialogreichen Kammerspiel. Vielleicht ein wenig zu geschwätzig.
Barbara (Valerie Pachner) ist Clownin und lebt mit ihrem Partner und den beiden Kindern ein glückliches Familienleben. Ein Unfall reißt sie aus allem heraus. Adrian Goigingers Film nach dem Bestseller von Barbara Pachl-Eberhart erzählt nicht-linear von Verlust und Trauer, aber auch davon, wie man weiterleben kann. Anschließendes Gespräch mit Adrian Goiginger.
Eine junge Frau findet ihre Stimme durch Schreiben und Rettung durchs Schwimmen. Kristen Stewarts Regiedebüt nach der Autobiografie von Lidia Yuknavitch erzählt in traumhafter, nicht-linearer Montage von Trauma, Verlust und Selbstfindung. Imogen Poots in der Hauptrolle, mit Thora Birch und Tom Sturridge. Ein intimes biografisches Drama über den Weg zur Schriftstellerin, Lehrerin und Mutter.
Sabine Lidl porträtiert die Schriftstellerin Siri Hustvedt von ihrem Aufbruch aus Minnesota nach New York bis zur intellektuellen Größe. Der Film verwebt literarische Entwicklung, feministische Haltung und die Liebesgeschichte mit Paul Auster. Vier Jahre Drehzeit dokumentieren auch Austers Krebserkrankung und Tod. Mit Animationen, Archivmaterial und intimen Einblicken in Hustvedts kreatives Schaffen.
Derek Jarman inszeniert das Leben des Philosophen Ludwig Wittgenstein (Karl Johnson) auf minimalistischer schwarzer Bühne als witzige, skizzenhafte Revue. Von der Kindheit über Cambridge bis zum Ersten Weltkrieg zeigt Jarman einen exzentrischen Geist zwischen Bertrand Russell, John Maynard Keynes und seiner Homosexualität. Ein verspieltes, kluges Porträt, das Philosophie wie Poesie behandelt.
Das politische Drama von Jafar Panahi (Gewinner der Goldenen Palme 2025) folgt Vahid, einem Ex-Häftling des iranischen Regimes, der zufällig in seiner Werkstatt auf Eghbal trifft. Aufgrund von Details vermutet Vahid, Eghbal sei sein früherer Peiniger und entführt ihn. Die Konfrontation wird zur gewissenhaften Auseinandersetzung mit Rache und Wahrheit. Im Rahmen der Filmreihe "Iran hautnah".
Nagasaki 1964: Nach dem Tod seines Vaters wird der 15-jährige Kikuo von einem berühmten Kabuki-Schauspieler aufgenommen. Neben dessen Sohn Shunsuke widmet er sich der Kunst des Onnagata (männliche Darstellung von Frauenrollen). Lee Sang-ils bildgewaltiges, dynamisches Drama über 50 Jahre verhandelt Rivalität, Freundschaft und die Frage, was Kunst und Identität ausmacht. Der Film vermittelt das Gefühl, mitten im Theatergeschehen und zugleich im Kino zu sein. Großartig! (Ebenfalls am MO 6.4. um 20:00 im Burg Kino)
Der elfjährige Krishna landet nach einem familiären Streitfall in den Straßen von Bombay und versucht als Teeausträger genug Geld zu verdienen, um nach Hause zurückzukehren. Mira Nairs Debütfilm arbeitet mit echten Straßenkindern und dokumentarischer Ästhetik, ein neorealistisches Meisterwerk über Armut, Freundschaft und Überleben in den Slums. Wie Tom Waibel bei einer Moderation sagte: "Nach dem Film, hat man das Gefühl, dort gewesen zu sein."