Thomas Bernhard – Alte Meister
Der 82-jährige Musikphilosoph Reger sitzt seit über 30 Jahren regelmäßig im Kunsthistorischen Museum vor Tintorettos „Weißbärtigem Mann“. Sein Freund Atzbacher beobachtet ihn und lauscht Tiraden gegen Stifter, Bruckner und Heidegger, bevor beide ins Burgtheater aufbrechen.

In „Alte Meister“ führt Thomas Bernhard einen kunst- und kulturkritischen Monolog, der nahezu vollständig aus der Perspektive des 82-jährigen Musikphilosophen Reger erzählt wird. Dieser reflektiert, in den Räumen des Kunsthistorischen Museums in Wien, über Kunst, Gesellschaft, Krankheit, Tod und das Altern.
Seit mehr als dreißig Jahren sitzt Reger an jedem zweiten Vormittag, mittwochs und freitags, im Bordone-Saal auf derselben Bank und betrachtet Tintorettos Gemälde Der weißbärtige Mann, dessen kleinen Makel er dort seit Jahren zu entdecken sucht. Der Museumswärter Irrsigler hält ihm die Bank frei und hat sich im Lauf der Zeit derart an Regers Urteile gewöhnt, dass er sie fast wortgleich wiedergibt, ein Echo Regers mitten im Museum. Der Privatgelehrte Atzbacher, mit dem Reger sich an diesem Tag außerplanmäßig verabredet hat, beobachtet ihn zunächst aus einiger Entfernung und gibt seine Gedanken aus der Erinnerung wieder, bevor beide gemeinsam zu einer Aufführung von Kleists Der zerbrochne Krug ins Burgtheater aufbrechen.
Die Erzählung ist durch eine indirekt wiedergegebene Rede, vermittelt über den Ich-Erzähler Atzbacher, geprägt, was eine eigentümliche, doppelt gebrochene Erzählperspektive schafft. Der Text oszilliert zwischen philosophischem Essay, Kunstkritik und satirischer Gesellschaftsanalyse. Reger rechnet dabei nicht nur mit Stifter, Bruckner und Heidegger ab, sondern auch mit dem eigenen Kunstbetrieb, dessen Autoritätsgläubigkeit er zeitlebens verachtet hat. Im Hintergrund steht der kürzlich erfolgte Tod seiner Frau, die er einst in ebendiesem Saal kennengelernt hatte und die ihm die Grenzen aller Kunstbetrachtung vor Augen führt.
Bernhard veröffentlichte den Roman 1985 unter dem ironischen Untertitel Komödie. Eine Komödie ist das Buch aber nicht, auch wenn die Wucht von Regers Schimpftiraden streckenweise durchaus komisch wirkt.

