Wien in der Literatur
Wien, Frühjahr 1914: Der 20-jährige Joseph Roth, gerade aus dem galizischen Brody zum Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Wien angekommen, zieht als Untermieter bei der jüdischen Familie Fischler ein. Zwischen ihm und der 17-jährigen Tochter Fanny entsteht eine zarte, in ihren Tagebuchnotizen festgehaltene Liebesgeschichte. Roth zeigt sich in dieser Zeit noch unsicher, mittellos und mit einem Hang zu kleinen Notlügen über seine Herkunft, aber auch charmant genug, um Fanny für sich einzunehmen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzt der Beziehung ein jähes Ende.
Erst 1938 kreuzen sich die Wege der beiden wieder, diesmal im Pariser Exil: Fanny ist vor den Nationalsozialisten aus Wien geflohen, Roth inzwischen ein anerkannter, aber zunehmend selbstzerstörerischer Schriftsteller, der in seinem Kreis wie ein mittelloser Fürst Hof hält. Fanny begleitet ihn durch Alkoholismus, Geldnöte und persönliche Krisen bis zu seinem Tod 1939.
Koneffke verwebt historische Fakten mit einer erfundenen Liebesgeschichte, erzählt konsequent aus Fannys Ich-Perspektive. Den Anstoß zum Roman lieferte ein biografischer Zufall: Der Autor wohnt in jenem Wiener Haus, in dem einst auch Roth Quartier bezog.
Roths Schattenseiten, wie sein Opportunismus und sein problematisches Frauenbild werden im Buch nicht ausgespart. Fanny ist als eigenständige Stimme gestaltet, die ihm auch Kontra gibt. Manche Kritikerstimmen merken an, dass sich der Roman naturgemäß eng an die bekannte Roth-Biografie hält und für Kenner daher wenig überraschend bleibt. Aber eben nicht alle Leser:innen sind Roth-Spezialisten.
Insgesamt ein dicht recherchiertes Zeit- und Künstlerporträt, das die Wiener Kaffeehausjahre vor 1914 ebenso einfängt wie das Pariser Exil der späten Dreißiger.

